Leistung auf Knopfdruck - abschalten verboten?

Eine sehr amüsante und teilweise auch nachdenklich stimmende Aufführung des Literaturkurses der Q1!


Leistung auf Knopfdruck - abschalten verboten - eine Literaturkursaufführung der Q1

Leistung auf Knopfdruck - Abschalten verboten.  Was sich auf den ersten Eindruck liest wie eine zynische Anmerkung zu den in wenigen Tagen auszugebenden Zeugnisse, ist der Titel der Aufführung des zweiten der beiden diesjährigen Literaturkurse in der Stufe Q1. Im Stil eines Whats-App-Screenshots gehalten, deutet das Plakat zur Aufführung die vielfältigen Bezüge zu modernen Kommunikationsmedien an: "Aus dem Leben

Statussymbol einer Mobilitätsgesellschaft: coffee to go - immer in Bewegung, nie Zeit.

gegriffen" - so verspricht es das Programmheft - und wie in der Welt der Schülerinnen und Schüler selbstverständlich, verschmelzen reale und virtuelle Bezüge miteinander.

Der Kurs hat ein buntes Kaleidoskop aus Szenen selbst geschrieben - die Welt aus Schülersicht. Die Rahmenhandlung, eine Talkshow, wie wir sie aus dem Fernsehen nur allzugut kennen, bringt sie zusammen, die Traumfiguren aus Schülersicht, jeweils liebevoll detailliert durch Videoeinspieler portraitiert: Zunächst der angehende Fußballstar Luke (Dominic Abdel-Ahad kann in dieser Rolle auf seine persönlichen Erfahrungen zurückgreifen) - für ihn ist selbstverständlich, dass ein großer Teil seines Profigehalts in die Erweiterung seiner Fußballschuhsammlung fließt. Er ist nicht mehr IN der Schule - nein, in lässiger Haltung wartet er VOR der Schule - neben einem repräsentativen Auto der oberen Mittelklasse (noch) - auf seine blutjunge Freundin. Das Training bestimmt seinen Tagesablauf, seine Ernährung - einfach alles.

Karrierefrau Carrie (überzeugend in Outfit und Gestik: Marlene Nietz) repräsentiert eine weitere Traumkarriere: erfolgreich im Beruf, jede Sekunde auf Zeiteffizienz getrimmt, ihr Style beispielhaft für eine Business-Frau, hat sie kaum Zeit für ihr Video - sie räumt uns das Privileg ihrer Aufmerksamkeit nur wenige Sekunden ein, zwischen Schaltknauf und Lenkrad beim Aufbruch zum nächsten Meeting. Selbstverständlich - wie alle wichtigen Menschen, auf die die Welt

Tee, Meditation und Weltfrieden erscheinen als Lebensziele  einer längst vergangenen Zeit ...

nur gewartet hat - kommt sie zu spät zur Show - natürlich direkt aus New York, sorry, der Flieger war ein wenig too late. Ihr Alltag ist - nun ja, vor allem gespickt mit Denglisch-Worthülsen.

Damit sitzt nun eine brisante Mischung auf dem Talkshowsofa: Smarte Geschäftstfrau vs. Fußballmacho. Aber es bleibt nicht dabei: Als nächstes stellt sich der 40-jährige Hippie Fillmore vor (Felix Krebs, der in seiner Verkleidung Star jedes Woodstock-Revivals wäre). Er bedient alle gängigen Klischees: Die Liebe zur Natur, die Verehrung für Bob Marley, die persönliche Erinnerung an Woodstock, die Sammlung von Vinyl-Platten-Originalen, der konsequente Verzehr selbst zubereiteter Marmelade rein biologischer Herkunft auf dem selbstgebackenen Körnerbrot, der Anbau exotischer "Tee"kräuter, das nachhaltige selbstgebaute Fahrrad aus einheimischer Fichte und nicht zuletzt die sorgsame Rasenpflege mit der Nagelschere. In der Show kann er natürlich nicht auf dem profanen Sofa Platz nehmen - er ist für das Überleben im Mediendschungel ausgerüstet mit Öko-Sandalen, "Peace"-Transparent und Yogamatte - eben "Ich bin Fillmore, und das ist meine Welt" (die im Video ein wenig an das Hildegundisviertel erinnert).

Die jugendliche Minecraft-Bloggerin Jackie (technisch gewieft: Isabel Wolters) arbeitet anstatt an ihrem Schulerfolg an ihrer YouTube-Karriere. Mit ihrem Geständnis, für das Lernen eigentlich gar keine Zeit zu haben, weil sie täglich ein Video fertigstellen

Tamara - die Diva ...

und hochladen muss, bietet sie der Karrierefrau Carrie die ideale Gelegenheit, die Bedeutung einer guten Schulbildung zu betonen.

So unterschiedlich die verschiedenen Talkshow-Gäste auch zu sein scheinen - es gibt doch manche Gemeinsamkeit: Nicht nur Jackie, sondern auch Fillmore hat seinen Blog, in dem er mit modernen Kommunikationsmitteln die Welt von seinem Lebensstil zu überzeugen versucht. Bei allen Gästen verschmelzen die reale und die virtuelle Welt und erzeugen erst zusammen das persönliche Profil.

Geschickt eingewoben in die Rahmenhandlung ist die Geschichte von Tamara (Sarah Benders, die diese Rolle nutzen kann, um ihre Koketterie auszuspielen) - die zunächst danach strebt, eine Diva zu sein, aber dann reumütig zum "Ernst des Lebens" zurückkehrt: Sie und Jonas (Max Höcher - durch den eigenen Ehrgeiz von morgens bis abend gefordert) stellen zunächst zwei völlig konträre Schülertypen dar - hier Tamara, die vom Aufstehen bis in die Nacht allein auf ihr Aussehen und ihr Image fixiert ist - dort

Jonas lernt und die Stunden verrinnen ...

Jonas, der Strebsame, der jede Hausaufgabe perfekt erledigen will und bis zur Erschöpfung, bis zum Einschlafen am Schreibtisch paukt - und weil er damit der absolute Außenseiter in seinem Mathe-Kurs ist, überdies von seinen Mitschülerinnen gemobbt wird. In beiden Fällen greifen die Eltern ein: Tamaras mangelhafte Leistungen gefährden ihre Versetzung, Jonas' Mutter will ihrem Sohn einen Ausstieg aus der Monotonie des häuslichen Paukens verschaffen. Die Lösung für beide ist - man glaubt es kaum - Nachhilfe: Jonas wird als Nachhilfelehrer für Tamara engagiert. Zunächst stellt sie ihn in ihren Dienst - er muss die Hausaufgaben für sie erledigen, während sie die gewonnene Zeit fürs Shoppen nutzt. Aber in der Vorbereitung einer Klausur nutzt das gar nichts, zumal Tamaras Eltern dahinter kommen: Und so lernen beide tatsächlich zusammen - Tamara beginnt sogar, für Jonas einzustehen, als dieser wiederum gemobbt wird - bis beide schließlich den gemeinsamen Klausurerfolg gemeinsam feiern können - die Welten von Jonas und Tamara rücken zusammen.

Der letzte Erzählstrang schließlich bezieht sich auf den letzten Talkshowgast: Daniel (Marc Steffens) ist als amerikanischer Austauschschüler zu Gast in einer deutschen Familie und vergleicht seine Heimat mit den "deutschen Verhältnissen". Szenisch dargestellt wird das Gespräch am Abendbrottisch in der Gastfamilie: Daniel schwärmt seinem deutschen Gastbruder von der Lockerheit des amerikanischen Schulsystems vor, von den Lehrern, die ihren Schülern mehr Kumpel als Respektsperson sind, von dem Sportprogramm, dem die

Konflikte überstehen ...

gleiche Bedeutung zugemessen wird wie den "wissenschaftlichen" Fächern, von der technischen Ausstattung, die der deutscher Schulen um Jahre voraus ist. Leon (Henry Holzenthal) hingegen schildert seinen stressigen Schulalltag, der nicht einmal Zeit lässt, eine gute Note in der Facharbeit angemessen zu feiern. Ein wenig hilflos wirkt der Vater (Simon Altenberg) - er versteht das moderne Schulsystem nicht mehr, das ihm so viel stressiger erscheint als seine eigene Schulzeit - trotz "Zucht und Ordnung", die zu seiner Jugendzeit herrschten. So bemüht er sich krampfhaft, aber naiv-erfolglos darum, seinem Sohn das Leben leichter zu machen. Leon scheint aber auch ein Pechvogel zu sein - kommt er doch nicht in den Genuss zahlreicher ausfallender Stunden wie sein Gastbruder Daniel.

Bewundernswert an dieser zweiten Literaturkurs-Aufführung ist, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur die Szenen, sondern auch die inhaltlichen Grundideen völlig eigenständig entwickelt haben. So lebt das ganze Stück trotz seiner Vielfältigkeit von der Authentizität: Als Zuschauer erlebt man die Zwiespältigkeit des Erwachsenwerdens zwischen den eigenen

... sich zwischen Anforderungen, Wünschen und Träumen zurechtfinden.

Wunschträumen und den erwachsenen Vorbildern: Nicht jede kann erfolgreiches Model werden oder mit einem eigenen YouTube-Kanal mit schnellen Klicks das große Geld machen. Selbst der Blick auf die (eigene) Schule, zu dem eine jede Aufführung eines Literaturkurses geradezu herausfordert, bleibt ambivalent: Unterschwellige Kritik ist gepaart mit dem Blick auf die Vergangenheit oder andere Schulsysteme: Mal ehrlich: Wer will zurück zur autoritären Strenge der 50er Jahre, wer will tauschen mit dem amerikanischen Schulsystem, das viele Schülerinnen und Schüler mit schwächeren Fachkenntnissen entlässt, als man es aus Europa gewohnt ist? Wenn sich der Vorhang zum letzten Mal schließt, hat man eine Blick in die Welt der Schülerinnen und Schüler werfen können, man versteht Hintergründe, man bekommt bestätigt, dass Mathematik das Fach ist, um das sich alle Schulprobleme drehen - und man ist amüsiert über die zahlreichen Pointen, in denen die Darstellerinnen und Darsteller ihre Träume, das alltägliche Leben, insbesondere die Schule und so manches Mal auch sich selbst aufs Korn nehmen.